Verbotenes in deutschen Netzen

Ernst Corinth 19.08.1999 Hitlers "Mein Kampf" und
anderes - Verbote funktionieren nicht mehr
Deutsche sind tierlieb: "Mein Name ist xxx, bin
verheiratet, habe ein Kind, 6 Meerschweinchen, 3 Fisch-Aquarien", schreibt Hans K.
auf seiner Tripod.de-Homepage, die inzwischen wieder vom Netz abgeknipst ist. Aber
Familienmensch Hans K., der sich dort als Anhänger der rassistischen "White
Power"-Bewegung geoutet hat, wusste sich zu helfen. Inzwischen hat er eine Netzseite
bei T-Online - und dort bietet er Musikstücke der besonderen Art als Datei zum
Herunterladen an.
Da singt beispielsweise die Gruppe A.D.F. nach der Melodie von "Wenn ich einmal
Kaiser von Deutschland wäre" einen Song, bei dem aus dem Wunschtraum Kaiser
"Der Führer" geworden ist. Und wenn der wieder was zu sagen habe, dann, heißt
es in dem Lied "Fuehrer'', würden die Synagogen wieder täglich brennen. "Die
Roten müssen um ihr Leben rennen." Und täglich würde er, der Sänger, auf
"Kanakenjagd" gehen.
Ein Text, der eindeutig unter strafbarer Volksverhetzung fällt, aber
ganz legal über T-Online, wo übrigens auch der Landshuter "Spezialversand
für nationale Aktivisten - Patria" seine tiefbraunen Waren feilbietet, zu
erhalten ist. Auch die anderen Musiktitel auf dieser Homepage sind ähnlich gestrickt:
Kraftschlag - "Unbelehrbar", Reichssturm - "Tret
einfach rein" oder HKL - "Raus". Dass Hans K. diese
unerträglichen und zweifellos verbotenen Nazi-Stimmungslieder über
einen deutschen Provider anbietet, beweist allerdings, dass Tierliebe und Intelligenz
nicht immer Hand in Hand gehen.
Andere Gesinnungsgenossen von ihm sind wesentlich cleverer. Schon seit Jahren ist
beispielsweise das früher reine Mail-Box-Netz "Thule" auch im
Internet präsent, aber über einen ausländischen Provider. Das schützt
im Unterschied zu Hans K. die vernetzten Rechtsradikalen vor der deutschen
Strafverfolgung. Und so können sie im Internet ganz locker vom schwarz-braunen Leder
ziehen. Hämisch wird beispielsweise der Tod von Ignatz Bubis aktuell kommentiert:
"Einer der unermüdlichsten Kämpfer gegen Deutschland ist tot, gestorben am Freitag
dem 13. August 1999 (natürlicher Tod). Politik, Justiz, Journaille, Staatsanwaltschaft, -
alles hörte auf sein Kommando."
Aber das Thulenetz bietet nicht nur seinen braunen Kameraden Argumentationshilfe,
sondern hat neben diversen Links zu rechten Parteien und Organisationen ein Forum, wo sich
jedermann in Deutschland verbotene Dinge auf die Festplatte seines Computers herunterladen
kann. Das Spektrum reicht dabei von Nazi-Symbolen über rassistische
Computerspiele bis zu einer kompletten Ausgabe von "Mein Kampf".
Und gerade über Adolf Hitlers Buch ist zuletzt viel und aufgeregt diskutiert
worden, weil findige Mitarbeiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums kürzlich herausgefunden
haben, dass man es übers Internet in den USA bestellen kann. Dort darf es ganz legal
verkauft werden. Und weil das Internet sich nun einmal nicht nach nationalen Gesetzen
richtet, da es eben grenzüberschreitend verknüpft ist, können auch deutsche
Bürger "Mein Kampf" übers Netz direkt in den USA bestellen, obwohl
der verquaste Nazischinken bei uns bekanntlich verboten ist.
Die Empörung darüber war und ist groß. Der Firma Bertelsmann, am
"Hitler-verdächtigen" US-Online-Händler barnesandnoble.com beteiligt, ist die
Angelegenheit schrecklich peinlich. Und selbst wenn es Bertelsmann gelingen sollte, den
Import über die USA zu unterbinden, was kein riesiger Programmierungsaufwand sein
dürfte, dann gibt es ja immer noch den Text kostenlos via Thule-Netz.
Aber sogar im "Nazi-unverdächtigen" Buchladen um die Ecke kann man immer
noch "Mein Kampf" bestellen - vorausgesetzt, der Händler bietet seine Bücher
im Internet an und ist auch dort dem Buchvertrieb Libri direkt angeschlossen. Wer auf den
Netzseiten dieser Läden unter "Suchen" die Wörter "Hitler Mein
Kampf" eingibt, dem wird als US-Import eine von Ralph Manheim ins Englische
übertragene Neuausgabe des Buches offeriert. Der Grund für dieses Angebot, das zumindest
arg am Rande der Legalität ist, liegt ähnlich wie bei Bertelsmann in der Vernetzung der
Libri-Datenbank mit einem kooperierenden US-Buch-Vertriebsunternehmen. Betroffen sind
davon zahllose deutsche Online-Buchläden. Darunter neben zwei großen hannoverschen
Firmen sogar die Netzshops von "Spiegel-Online" und der Firma Karstadt.
Inzwischen ist Libri jedoch dabei, den inkriminierten Titel aus der Datenbank
herauszunehmen. Dennoch findet der dort zuständige Online-Redakteur Thorsten Pannen die
große Aufregung in den Medien verlogen. Das Buch könne man ja schon seit Jahren übers
Netz bestellen. Und ein Vertriebsverbot, meint Pannen, sei völlig wirkungslos, da man den
kompletten Text im Internet als Datei kostenlos herunterladen könne: "Viel
sinnvoller wäre wohl eine historisch-kritische und gut editierte Neuausgabe von 'Mein
Kampf'." Ähnlich sieht es auch die ,,Neue Zürcher Zeitung'', die in einem Kommentar
zur aufgeregten deutschen Diskussion an ein altes Jesuitenwort erinnert: "Notabitur
Romae, legetur ergo" - was Rom auf den Index setzt, wird gewiss gelesen. |